Entwicklungsphasen des Welpen
Nachfolgend einige Informationen über die psychische und
körperliche Entwicklung des Wesens und der körperlichen
Fähigkeiten eines Hundes in den ersten sechs Monaten seines
Lebens.
Der Hund ist ein Lernlebewesen. Anfangs wird sein Tun noch überwiegend
von angeborenen Verhalten gelenkt. Doch rasch nimmt die Umwelt
mit ihren Eindrücken und Reizen zunehmend Einfluss auf die
Entwicklung. Das heißt, dass die Erfahrungen, die der Hund
mit seiner Umwelt macht, und das, was er daraus lernt, weitgehend
die Auswirkung der angeborenen Eigenschafen bestimmen. So macht
das Zusammenwirken von Angeborenem und Erlerntem letztlich das
Wesen unseres Hundes aus.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die große Verantwortung,
die sowohl der Züchter als auch der zukünftige Besitzer
für eine gesunde Entwicklung seines Welpen tragen.

Die ersten drei Wochen
Nach etwa 63 Tagen Tragezeit wird ein Welpe geboren. Augen und Ohren
sind noch geschlossen, und der kleine Hund wirk recht hilflos und
unfertig. Doch er steckt voller Lebensenergie. Innerhalt seiner
unmittelbaren Umgebung funktionieren bereits sein Geruchssinn sowie
sein Empfinden für unterschiedliche Wärmegrade.
Das Wichtigste für den Welpen in diesen ersten Wochen ist die
Befriedigung seiner lebensnotwendigen Bedürfnisse nach Nahrung
und Nestwärme. Ebenso entscheidend für eine gesunde Entwicklung
ist die Entstehung des sogenannten Urvertrauens. Dies wird dem Welpen
durch dir Fürsorglichkeit und Pflege seiner Mutter vermittelt,
vorausgesetzt, sie ist normal veranlagt und zeigt ein ausgeprägtes
Brutpflegeverhalten.
Erste Lernleistung
Nachdem er von seiner Mutter abgenabelt und intensiv geleckt wurde,
wird der lebenstüchtige Welpe alle Energie aufbieten, um mit
Hilfe seines Geruchssinnes das Gesäuge zu finden und sich einen
Zitze zu erobern. Abgesehen davon, dass die Muttermilch lebensnotwendig
ist, hat das selbständige Erreichen des Gesäuges noch
einen anderen Sinn.
Der Welpe hat seine erste Lernleistung vollbracht, das heißt,
er ist aus eigener Anstrengung zu einem Erfolg gekommen und hat
anschließend einen angenehmen Zustand, den des Sattseins,
erreicht. Natürlich bedeutet das Suchen des Gesäuges und
das Sichdurchsetzen gegen die Geschwister einen gewissen Stress
für einen Welpen. Verhaltensforscher haben jedoch herausgefunden,
dass dieser Stress für eine gesunde entwicklung des Hundes
sehr wichtig und notwendig ist.
Zweite Lernleistung
Genauso verhält es sich mit dem sogenannten Kontaktliegen.
Welpen haben die Angewohnheit, zum Schlafen ganz nah zusammenzurücken
oder sich dicht an ihre Mutter zu kuscheln. So stillen sie ihr Bedürfnis
nach lebenswichtiger Wärme, Geborgenheit und Vertrauen. Dabei
ist jeder Welpe bestrebt, mit Hilfe seines Temperaturempfindens
den wärmsten Platz in der Gemeinschaft zu finden.
rausgesetzt, sie ist normal veranlagt und zeigt ein ausgeprägtes
Brutpflegeverhalten.

Die dritte Lebenswoche
Etwa am Anfang der dritten Lebenswoche macht der Welpe einen großen
Schritt in seinem Dasein. Seine Augen öffnen sich, und das
Gehör beginnt zu funktionieren. Auch seine Milchzähne
brechen durch. Aufgrund dieser Veränderungen erweitert sich
die Wahrnehmungsfähigkeit, und auch der Bewegungsdrang des
kleinen Hundes wird immer größer. Nun beginnt er, aktiv
seine Umwelt zu erkunden, und ist gerüstet für den nächsten,
ganz entscheidenden Lebensabschnitt.

Vierte bis achte Woche
Anfang der 4. Lebenswoche setzt der erste Teil der Sozialisierungsphase
ein, der etwa bis zum Anfang der 8. Lebenswoche dauert. Nachdem
Augen und Ohren sich geöffnet haben, steht dem Welpen sozusagen
die Welt offen. Schrittweise vergrößert sich jetzt der
Aktionsradius des kleinen Hundes. Dabei ergänzen sich die psychische
und die körperliche Entwicklung.
Je aktiver und beweglicher der Welpe wird, um so eifriger erforscht
er seine Umgebung. Von der Natur ist es deshalb so eingerichtet,
dass das Gehirn eines Welpen dem Alter entsprechend eine jeweils
begrenzte Zeit lang für bestimmte Reize und Erfahrungen empfänglich
ist. Was der Welpe in diesen Phasen erlebt, prägt sich nahezu
unauslöschlich in sein Gehirn.
Prägung auf Artgenossen
Sie ist einer der wichtigsten Vorgänge in dieser Phase. Wenn
zu Beginn dieses Entwicklungsabschnitts alle Sinne ihre Tätigkeit
aufnehmen, ist es dem Welpen erstmals möglich, Mutter und Geschwister
zu sehen, zu hören und zu riechen. Das aus diesen Eindrücken
gewonnenen Bild prägt sich dauerhaft in das Gehirn des jungen
Hundes ein.
Sozialisierung mit dem Menschen
Sie findet zwischen der 3. und 8. Woche statt und ist notwendig,
damit der Hund auch im Menschen einen Artgenossen im weiteren
Sinne sieht. Diese Sozialisierung, die die Voraussetzung für
das Vertrauensverhältnis des Hundes zum Menschen bietet,
ist überwiegend jetzt möglich und kann später nicht
mehr in diesem Maß nachgeholt werden. In dieser Zeit müssen
Welpen engen Kontakt zu verschiedenen Menschen haben, um viele
gute Erfahrungen zu sammeln. Besucher sollten sie streicheln,
auf den Arm nehmen und mit ihnen spielen. Für einen zukünftigen
Familienhund ist es ideal, wenn er bereits in dieser Zeit gute
Erfahrungen mit Kindern machen kann.
Ein Hund, der in diesem Lebensabschnitt keinen oder zu wenig
Kontakt mit Menschen hat, kann je nach Charakter zwar bis zu einem
gewissen Grad an sie gewöhnt werden. Er wird aber unter Umständen
nicht so vertrauensvoll wie ein früh sozialisierter Hund.
Oft ist so ein Tier im Umgang mit Menschen nicht ganz zuverlässig,
im ungünstigsten Fall kann es zum Angstbeißer werden.
Sozialisierung mit anderen Heimtieren
Auch sie ist jetzt möglich. Wächst der Welpe etwa mit
"hundefreundlichen" Katzen auf, wird er auch später
gut mit ihnen auskommen.
Auch in der körperlichen Entwicklung macht der Welpe in
diesem Lebensabschnitt große Fortschritte.
In der Zeit nach der Geburt konnte er sich nur durch Kriechen
oder Krabbeln vorwärtsbewegen. Nun lernt er andere Fortbewegungsarten
wie Klettern, Hüpfen, Laufen und vieles mehr. Er ist dabei
natürlich noch recht unsicher und tolpatschig. Aber jetzt
ist er körperlich und geistig so weit, das Wurflager zu verlassen
und die Umgebung zu erkunden. Dabei vergrößert sich
sein Aktionsradius ständig.
Um der Entwicklung des Welpen gerecht zu werden, muss er die Möglichkeit
haben, viele Erfahrungen mit seiner Umwelt zu machen. Denn alles,
was er jetzt kennenlernt, wir d später für ihn ganz
selbstverständlich sein. Wächst der Welpe im Haus auf,
begegnet er automatisch allem, was so zum Alltag gehört,
zum Beispiel dem Staubsauger, dem Rührgerät, verschiedenen
Arten von Bodenbelägen und ähnlichem. Ein verantwortungsvoller
Züchter wird seinen Welpen eine Art "Abenteuerspielplatz"
mit verschiedenen Beschäftigungs- und Spielmöglichkeiten
bieten. Manche Züchter unternehmen mit der Hündin und
den Welpen kleine Erkundungsausflüge. So gesehen, haben Welpen,
die im Frühjahr oder Sommer geworfen werden, weit mehr Gelegenheit,
ihre Umwelt zu erforschen, als Herbst- oder Winterwelpen.
Sozialverhalten
Noch etwas erfährt der Welpe in dieser Zeit: innerartliches
Sozialverhalten. Sowohl durch das Verhalten der Mutter in unterschiedlichen
Situationen als auch durch das Spiel mit ihr und den Geschwistern
lernt er, die verschiedenen Signale von Körper- und Lautsprache
zu deuten und Verhaltensweisen zu übernehmen. Ein normales
Verhalten der Hündin ist dabei wesentlich. Dennoch kann es
trotz bester Aufzucht manchmal vorkommen, dass ein Welpe scheu
und mißtrauisch bleibt. In diesem Fall liegt wahrscheinlich
eine angeborene Wesensschwäche vor.
Die Bedeutung für den Hundebesitzer
In diesen ersten acht Lebenswochen trägt der Züchter
eine große Verantwortung für die gesunde Entwicklung
der Welpen. Wachsen sie irgendwo abseits auf, bleibt ihnen die
Umwelt mit ihren wichtigen Erlebnissen vorenthalten. Die Folge
können schwere Verhaltensstörungen sein. Zudem wird
die Entwicklung des Gehirns gehemmt, was zu einer verminderten
Lernfähigkeit führt.

Dritter bis fünfter Monat
Auch in dieser Zeit der Sozialisierungsphase lernt der Welpe
prägungsähnlich. Deshalb sind auch diese Wochen sehr
wichtig. Je nach Rasse dauert die Sozialisierungsphase bis etwa
zur 16., längstens bis zur 20. Woche.
Leben in der Gemeinschaft
Der Lebensabschnitt des Welpen ist von drei Faktoren gekennzeichnet:
Eine besonders ausgeprägte Bereitwilligkeit, sich in einen
sozialen Verband zu integrieren,
eine große Lernbereitschaft
und ein hoher Spieltrieb.
Das Interesse an der Umwelt steigt, und mit ihm das Bedürfnis
des Welpen, sie zu erforschen. Durch Spielen werden Muskeln und
Knochen trainiert, innere Organe wie Herz und Lunge in ihrer Leistungsfähigkeit
erhöht. Der Welpe lernt, sich immer sicherer zu bewegen.
Wie bei seinen wilden Verwandten werden in dieser Zeit die Grundlagen
für eine problemlose Verständigung mit Artgenossen gelegt.
Umzug ins neue Zuhause
In die Sozialisierungsphase fällt gewöhnlich auch die
Übergabe des Welpen an seinen neuen Besitzer. Im allgemeinen
ist es günstig, den Hund zu Beginn dieser Phase zu sich zu
holen, damit diese optimal genutzt wird. Lebt er jedoch beim Züchter
unter den besten Bedingungen, also mit reichlich Gelegenheit, die
Umwelt zu erforschen und mit Geschwistern und Mutter zu spielen,
kann man ihn auch bis zur 10. Woche dort lassen. Auf jeden Fall
sollte der Welpe vor Ablauf der Sozialisierungsphase in sein neues
Zuhause einziehen.
In den folgenden Wochen werden die Weichen für ein harmonisches
Zusammenleben des Menschen mit dem Hund gestellt. Die Trennung von
Mutter und Geschwistern, verbunden mit dem Umzug in eine unbekannte
Umgebung, ist ein großer Einschnitt im Leben des Welpen. Denn
dadurch werden wichtige Entwicklungsprozesse momentan unterbrochen.
Instinktiv weiß der Welpe, dass er ohne sein Rudel sozusagen
verloren ist. Ein verlassener Wolfswelpe etwa würde in freier
Natur unweigerlich umkommen. Der Selbsterhaltungstrieb veranlasst
den Welpen nun dazu, Anschluss bei seinem neuen Rudel zu suchen.
Die Bedeutung für den Hundebesitzer
Diese Zeit ist die Phase schlechthin, in dem die Grundlagen für
eine lebenslange enge Bindung geschaffen werden. Eine solche Bindung
erreichen Sie, wenn Sie Ihrem Welpen sehr viel Zeit widmen und
ihn möglichst ständig um sich haben. Nehmen Sie ihn
ernst, das heißt, dass Sie ihn in diesem ganz wichtigen
Lebensabschnitt als richtigen Hund betrachten sollten, nicht etwa
als Schmuse- und Kuscheltier.
Von Anfang an müssen für den Welpen die gleichen Regeln
gelten wie später für den erwachsenen Hund. Dieser kann
zum Beispiel nicht verstehen, warum er als Welpe mit ins Bett
durfte und nun, da er ausgewachsen ist, plötzlich auf seiner
Decke schlafen soll. Ihm ist ja nicht bewusst, dass er vorher
süß und klein war und nun vielleicht 40kg wiegt und
70cm Schulterhöhe misst. Ein Hund braucht zu seiner Orientierung
und zur Bildung von Sicherheit und Vertrauen genaue Regeln, nach
denen er sich richten kann und die immer gültig sind. Ist
das gewährleistet, akzeptiert er seine menschlichen Sozialpartner
und fühlst sich in seiner "Familie" geborgen.
Gemeinsames Spiel ist wichtig
Sehr wichtig in der Sozialisierungsphase ist für den Welpen
das Spiel mit Ihnen. Diese artgerechte Zuwendung mag er nicht
nur sehr gern, sie trägt auch wesentlich zum Entstehen einer
engen Bindung bei. Wenn Sie hin und wieder selbst zum Spiel auffordern
oder bestimmen, wann es zu Ende ist, vermitteln Sie dem Welpen
gleichzeitig, dass Sie der "Rudelführer" sind.
Durch das Spiel lernt der Welpe auch die Beißhemmung dem
Menschen gegenüber. Erlauben Sie ihm also nicht, nach Körperteilen
oder der Kleidung zu schnappen. Wenn der Kleine nach dem Spiel
müde ist, können Sie sich zum ihm auf den Teppich legen
und so das Kontaktliegen imitieren. Auch dies fördert eine
enge Bindung und gibt dem Hund Vertrauen.
Viele Umwelterlebnisse
In diesem Lebensabschnitt sollten neben ersten Übungen auch
gemeinsame Unternehmungen mit Ihnen auf dem Programm stehen. Bieten
Sie dem Welpen dabei viele Umwelterlebnisse, das fördert
eine gesunde Wesensentwicklung. Vermeiden Sie aber eine Reizüberflutung.
Ermöglichen Sie dem Welpen viel Kontakt zu Menschen, selbst
wenn er später ein Wachhund werden soll. Hat er rassebedingt
einen gewissen Wachinstinkt in sich, verliert er diesen durch
den Kontakt mit Menschen gewiss nicht. Dagegen kann ein kontaktarm
aufgewachsener Hund zu misstrauisch werden, an sich unbedrohliche
Situationen missverstehen und dann falsch reagieren.
Da die Sozialisierungsphase, wie schon erwähnt, eine Prägungsphase
ist, sollte der Welpe alles, was in Zukunft zu seinem Leben gehört,
kennenlernen. Führen Sie ihn ab und zu in der Stadt herum.
Zeigen Sie ihm alle möglichen Arten von Gelände, sei
es Wiese, Asphalt, Kies und ähnliches. Lassen Sie ihn auf
verschiedenen Bodenarten wie Fliesen-, Holz- oder Teppichböden
laufen oder ab und zu Treppen steigen, um späteren Unsicherheiten
vorzubeugen. Bei Spaziergängen können Sie kleine "Abenteuer"
einbauen, zum Beispiel zusammen mit dem Welpen einen umgestürzten
Baumstamm oder einen Erdwall überwinden. All das fördert
das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Reagiert Ihr Welpe in einer normalen Situation etwas unsicher,
sollten Sie dies spielerisch übergehen. Sie verstärken
das ängstliche Verhalten, wenn Sie ihn beruhigend streicheln
oder womöglich auf den Arm nehmen.
(Text aus "Unser Welpe" von Katharina Schlegl-Kofler,
GU Verlag)
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